HomeUnser HofGeschichte

Unser Hof - Geschichte

Hier erfahren Sie einiges über die Geschichte des Kanzleilehngutes Halsbrücke. 

Es war einmal:

So in etwa sah das Kanzleilehngut um 1875 aus, als es unser Ururgroßvater, Oeconomierat Bruno Heymann, Pächter des Rittergutes Lichtenwalde (das gehört heute zu Chemnitz), erwarb. Wann es an seinen Sohn, unseren Urgroßvater Carl Heymann, überging, ist nicht genau datiert. Im Vordergrund ist der Obsthang zu sehen, der als Streuobstwiese und als Kleintierkoppel genutzt wurde. Links hinten der Wirtschaftshof mit Wohnhaus und der Stall, rechts vom Vorhof die große Hofscheune. Das Foto stammt ca. aus 1925, bis dato hatte sich optisch nicht viel geändert.
Die Obstwiese mit Blick Richtung WirtschaftshofDas Kanzleilehngut war ursprünglich ein geschlossener Vier-Seit-Hof mit Park, das Wohngebäude trennte den eigentlichen Wirtschaftshof vom Vorhof. Die erste Bebauung (Alte Scheune und Schweizerhaus) datieren um 1646.

 

Zur Geschichte des Ortes und des Hofes:

Die Geschichte des Ortes Halsbrücke ist eng verknüpft mit der Entwicklung des Bergbaus und des Hüttenwesens. Auch unter unserem Gut gibt es noch zwei alte Stollen, die natürlich längst nicht mehr in Betrieb und vom Mundloch her verschlossen und verschüttet sind. Selbstverständlich wissen wir, wo diese Mundlöcher liegen - Vielleicht machen wir ja mal irgendwann Höhlenkäse?

1597 Das Kanzleilehngut Neubau entsteht als Verselbständigung aus dem Pudewitzschen Vorwerk.

1612 wurde die Schmelzhütte im Ort Halsbrücke gegründet.

Um 1685 errichtete man zur Bewetterung des Altväterstollens ein spektakuläres Aquädukt, die Altväterbrücke, das leider 1893 teilweise gesprengt wurde. Wer von Großschirma kommend zum Gut fährt, überquert heute noch die Freiberger Mulde auf den Resten des Aquäduktes.

1788 erbaute Johann Friedrich Mende das weltweit erste Kahnhebehaus, die direkt an der Mulde gelegene Ruine zeigt rudimentäre Reste davon.

Um 1840 erbaute man die Erzwäsche der Grube „Oberes Neues Geschrei“.

Von 1844 bis 1882 wurde der Rothschönberger Stolln aufgefahren. Er ist ein der Entwässerung des Brander und Freiberger Bergreviers dienender Stollen, hat mit seinen Nebenanlagen eine Gesamtlänge von 50,9 km und ist mit 8 Lichtlöchern ausgestattet.

1888 bis 1889 wurde der ehemals höchste Schornstein der Welt, die so genannte „Halsbrücker Esse“ mit einer Höhe von 140 m, erbaut. Er ist heute noch das höchste Ziegelbauwerk in Europa und das zweithöchste weltweit.

Um 1960 endet der Erzbergbau im Revier Freiberg - zumindest vorläufig. Derzeit werden von einer deutschen und einer kanadischen Firma neue Erschließungs- und Erkundungsbohrungen vorgenommen, der gestiegene Weltmarktpreis für verschiedene Metalle und die bessere Technologie machen´s möglich. Lassen wir uns überraschen...

 

Was heißt eigentlich "Kanzleilehngut"? Die Gliederung des Ortes nach den Gutsbezirken Hals, Neubau und Tuttendorf war gleichzeitig die Zuordnung zur jeweiligen Gerichtsherrschaft. In der Zeit um 1545 war der progressive Kurfürst Moritz von Sachsen Regent. Er sorgte dafür, dass Sachsen verwaltungsmäßig neu und übersichtlich strukturiert wurde. Er hat wohl gemerkt, daß er mit steigender Bevölkerungszahl nicht mehr alle Streitigkeiten mit den bis dahin üblichen Gerichtstagen höchstselbst aus der Welt schaffen konnte. Vielleicht hat ihn der Streit um Nichtigkeiten auch einfach nur genervt. Also hat er die niedere und teilweise mittlere Gerichtsbarkeit auf zuverlässige Untertanen - das waren vornehmlich die Gutsbesitzer - übertragen, sie damit "beliehen". Daher das "Lehngut". Und diese Gerichtsbarkeit war in der Regel an den Hof gebunden, also erblich - von hier stammt die geläufige Bezeichnung "Erblehngut" (oder "Erbgericht", wenn es kein Gutshof, sondern der Gasthof war). Er führte also korrekt bezeichnet die "Amts- und die Schriftsassen" ein. Diese führten im Verbund mit den Erbrichtern in Ermanglung von Katasterämtern oder Amtsgerichten die Amtsbücher. Sie waren die wichtigsten Dokumente, weil sie Aufschluss über Größe und Grenzen der Fluren, Hufenzahl, Gerichtsbarkeit, die Ansässigen mit Namen und Besitz, die Gefälle und Dienste, die Güter und ihre Bewirtschaftung, die Ritterdienste und Pfarrein, gaben. Und die lagen bei manchen Lehngütern in der sogenannten Kanzlei.

Da in Halsbrücke auf den Gütern Hals und Neubau verhandelt werden konnte, waren Käufe und Verkäufe zu beurkunden und die genaue Folge der Besitzer von Grund und Boden waren genau dokumentiert. Das 1597 aus dem Pudewitzschen Vorwerk entstandene Kanzleilehngut Neubau war Gerichtsbezirk und auch hier wurde die Obergerichtsbarkeit ausgeübt. 1687 war Johann August Ficker Erbrichter auf Gut Neubau, ihm folgte im Amt Richter David Gottfried Mey, der bis 1770 die Geschäfte wahrnahm. Von 1770 bis 1787 war Johann Gottlob Bernhardt im Amt. Ab 1837 übte Richter Seifert das Amt aus. In dieser Zeit war die Familie Obendörfer Besitzer des Gutes Neubau und stellte die Erb-, Lehn- und Gerichtsherren. Ihre Begräbnisstätte ist auf dem Friedhof in Tuttendorf erhalten geblieben. Carl Gustav Obendörfer wurde abgelöst von Johann Carl Maximilian Obendörfer, der bis 1863 lebte. Später, als die Gerichtsbarkeit auf dem Gut keine Rolle mehr spielte (1877 wurde die Patrimonialgerichtsbarkeit abgeschafft), übernahm unser Ururgroßvater Bruno Heymann das Gut von Obendörfers. Er und sein Sohn Carl betrieben erfolgreich Landwirtschaft mit dem Spezialgebiet der Edelschweinstammzucht. Bis 1953 wurde landwirtschaftlich produziert, bevor das Gut in staatlichen Besitz übernommen wurde und verkam. Aber das ist schon der nächste Teil der wechselvollen Geschichte

Unser Großvater auf dem Weg nach Hause

Das ist er übrigens, unser Urgroßvater. An einem winterlich - schönen Sonntag Nachmittag vermutlich nach Kirche und Stammtisch auf dem Weg nach Hause vor dem früheren Wohnhaus, wie es bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bestand. Hinter dem Zaun befand sich der Kinderspielgarten, hinter der Mauer der Blumengarten. Die Durchfahrt führte vom Vorhof in den eigentlichen Wirtschaftshof.

Unsere Urgroßeltern Marie und Carl Heymann hatten 4 Kinder: Den "Hoferben" Heinz und drei Töchter. Der - frisch verheiratete - Sohn kam 1944 im Krieg ums Leben und hinterlies keine Kinder. Die älteste Tochter war als selbständige Ärztin "versorgt", die jüngste - unsere Großmutter Gretel - mit dem Nachbarbauern vom Erblehngut Tuttendorf verheiratet. Dieser - unser Großvater - ist 1944 in Rumänien gefallen. Der frisch sanierte und entschuldete Hof in Tuttendorf wurde als sogenanter Großgrundbesitz (über 100 ha) 1945 von Roten und Russen direkt nach Kriegsende entschädigungslos enteignet und sinnigerweise auch sofort "zur Baustoffgewinnung" abgerissen. Nur die vom Großvater, dem bösen Großgrundbesitzer, gebauten Wohnhäuser der Angestellten stehen heute noch. Die aus dem Bauholz gebaute Scheune der "Neubauern" hat übrigens nur bis zum ersten Herbststurm gehalten. Höhere Gerechtigkeit?

So hat unser im Familienbesitz verbliebenes Kanzleilehngut der gesamten Familie (8 Erwachsene und 12 Kinder) zusammen mit den dort wohnenden Familien der Angestellten in der schweren Zeit nach dem Krieg das Überleben gesichert.

Nach 1950 übergab der Urgroßvater das Gut altershalber an die mittlere Tochter und ihren Mann. Die Baethges haben das Gut bis 1953 bewirtschaftet.

1953 wurde politisch und ideologisch bedingt die "Kollektivierung" der Bauern betrieben. Nach russischem Vorbild der "Kolchosen" sollten große Landbetriebe entstehen, die durch die Machthaber besser zu kontrollieren waren. Zu dem Zeitpunkt gab es viele Neubauern, die auf dem aus der unrechtmäßigen Enteignung 1945 stammenden kostenlos verteilten Land saßen. Mit jeweils ca. 5 ... 6 ha und dem oft fehlenden Fachwissen waren diese Betriebe kaum in der Lage, sich selbst, geschweige denn die Stadtbevölkerung zu ernähren. Die "Großbauern" wie unser Urgroßvater mit seinen 97 ha, gesegnet mit über die Generationen weitergegebenen Wissen über den Umgang mit Natur und Tieren, waren da den Herrschenden natürlich ein Dorn im Auge. Es muss eine schlimme Zeit gewesen sein: Die Bauern wurden schikaniert, um sie zum Eintritt in die "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften" zu bewegen: Es gab für Private kaum Saatgut, fast kein Baumaterial, keine Arbeitskräfte. Diese wurden auch noch in der Erntezeit abgezogen. Im Gegenzug dazu wurden die Abgaben und Solleistungen immer weiter erhöht, den Bauern war untersagt, die eigenen Tiere zu schlachten, um sich zu versorgen. Das Denunziantentum griff immer mehr um sich. In dieser Situation sind seit 1951 viele Bauern in die LPG eingetreten oder haben aufgegeben und sind in den Westen gegangen - wie letztendlich auch Baethges samt Urgroßeltern, Schwester und Kindern.
Die Urgroßeltern mit 2 Töchtern, Schwiegertochter und 8 Enkeln um 1950

 

Lediglich unsere Großmutter (hinten rechts mit Ihren 5 Kindern) ist in Halsbrücke geblieben - sie hat noch lange Zeit auf die Rückkehr ihres 1944 in Rumänien verschollenen Mannes gewartet.

Die Umsiedlung des Gutseigentümers gab den Machthabern die Möglichkeit, auch dieses Gut zu enteignen, es wurde in den staatlichen Bodenfonds übernommen und zum "Volkseigenen Gut" gemacht. Die Großmutter wurde wieder vertrieben, musste erneut umziehen und erhielt für alle 6 eine 2-Zimmerwohnung auf der Nachbargemeinde. In ihrem Heimatdorf erhielt sie Zutrittsverbot, welches bis 1989 bestand.

Urgroßvater wollte vor seinem Tod um 1960 das Gut noch einmal besuchen, er wurde umgehend auf die Gemeinde einbestellt und zur persona non grata erklärt. Er hat seinen Hof leider nie wiedergesehen.

Volkseigenes Gut Die neuen "Eigentümer" versuchten zunächst, die Landwirtschaft mit der Edelschweinzucht des Urgroßvaters fortzusetzen. Hat wohl nicht geklappt. Danach hat der Hof eine sehr traurige, wechselvolle Geschichte genommen:

Nach der Schweinezucht wurden Rinder gehalten, irgendwann auch mal Hühner. Zum Schluss Schafe. Immer als Monokultur, jeweils begleitet von umfangreichen Baumaßnahmen, der Einfachheit halber immer auf der grünen Wiese neben dem Hof. Im Obstgarten der Urgroßmutter, auf den Koppeln und intelligenterweise auf dem mit über 60 Bodenpunkten hochwertigsten Land des Gutes. Die dann nicht mehr benötigten Gebäude wurden zum Haufen geschoben und im Park "deponiert", da liegen sie leider heute noch. Die Fundamente sind zum größten Teil noch in der Erde, die verbliebene Gebäude sind großteils hübsch mit Wellasbest gedeckt oder verkleidet und werden uns in den nächsten Jahre noch viel "Freude" machen.

bestand 05-2006 40

Die Alte Scheune (einer der 4 Seiten des Wirtschaftshofes) ist durch 50 Jahre Vernachlässigung so kaputt, dass sie nur noch abgebrochen werden kann, das Schweizerhaus war so abgewirtschaftet, dass es mit Ausnahme der Außenwände und des Gewölbekellers nahezu neu errichtet werden musste.

 

 

bestand 10-2005 33

Das Wohnhaus haben die neuen Nutzer nach 1953 so verfallen lassen, dass es Mitte der siebziger Jahre abgebrochen (oder besser: beiseite geschoben) werden musste, seit dem haben wir einen neuen Steilhang... Leider wurde bei der Aktion auch der Gewölbekeller unter dem Wohnhaus verschüttet. Günstig traf sich, dass wegen der allgemeinen Baustoffknappheit die uralten Fundamente weiter benutzt wurden, als ein neues Sozialgebäude im Stil "sozialistischer Landrealismus" darauf errichtet wurde. Schick, nicht? Wer mag, kann mit dem Foto weiter vorn (das mit Urgroßvater) vergleichen! Vielleicht ist denen auch einfach nur nichts Besseres eingefallen - jedenfalls hat damit das neue Haus ungefähr die Kubatur und Struktur des alten und lässt sich mit vertretbarem Aufwand in den optischen Ursprungszustand zurückversetzen.


Auch der Hofscheune erging es nicht viel besser.

Hofscheune 2006 

 

pic sw 08

  

Wem es noch nicht reicht: die übrigen Bausünden finden Sie unter Geschichte nach ´89.

Na gut - noch zwei:


Das Schweizerhaus

bestand 10-2005 35

 

Bezeichnend für diese Zeit vielleicht noch eine Anekdote des realsozialistischen Kulturlebens und als Zugabe eine Schauergeschichte mit glücklichem Ausgang - zunächst etwas zum Lachen:

Das "Freibad"

 

Im Tal des früheren Parkes gibt es einen kleinen Bach, der Oberflächenwasser vom gegenüberliegenden Berg sammelt und der Münzbach (hier werden alle Gewässer weiblich bezeichnet, als "die Münzbach") zuführt. In den sechziger Jahren muss dieser Wasserlauf wohl stärker gewesen sein, was man mit dem Bau eines Freibades auszunutzen gedachte. Die Grundmauern der Staustufe stehen heute noch. Leider versiegte der Bachlauf, als man während des Baues den nahegelegenen Trinkwasserhochbehälter abdichtete - der war nämlich jahrelang undicht und eigentlicher Spender des Baches...

Damit hatte sich das Freibad dann auch erledigt.

So sieht das gewaltige Halsbrücker Freibad heute aus. Wenn man von den Traktorreifenablagerungen und diversen Privatmüllverklappungen unverbesserlicher Volltrottel absieht, kann´s auch erst einmal so bleiben. Vielleicht wird es irgendwann mal ein Karpfenteich?

 

 

 

 

Und hatten wir noch eine Schauergeschichte versprochen:

Blick ins Münzbachtal

Das Münzbachtal sollte vor 1989 zur zentralen Mülldeponie der Freiberger Region ausgebaut werden, zu diesem Zweck wurde ein ca. 500 m langer Stollen zur Verrohrung der Münzbach durch festes Gestein getrieben und kurz vor der Wende einschließlich der Zufahrten fertig gestellt. Wie sagt der Realsozialist so schön: "Schöner unsere Städte und Gemeinden". Oder: "Alles zum Wohle des Volkes".

Gott sei Dank kam mit der Wende für diesen irrwitzigen Plan das Aus, das zum Gut gehörende Münzbachtal ist kurz darauf völlig zu Recht vom Deponiestandort zum FFH Naturschutzgebiet befördert worden. Von seiner Schönheit können Sie sich beim Besuch bei uns gern überzeugen.

 

 

Mit der Wende kam das große Bestandaufnehmen: siehe Fotos. Die Treuhand hat zunächst alles ausgebaut, was sich zu Geld machen ließ und sicher nur vergessen, die dabei angefallenen Schadstoffe fachgerecht zu entsorgen. Das Gut 1993 wurde an die Erben des Urgroßvaters - die Geschwister Baethge - zurückübertragen, die es aber selbst nicht bewirtschaften wollten, es weiter verfallen ließen und ebenfalls verkauften und vermieteten, was sich zu Geld machen ließ. Viel gibt es über diese Zeit nicht zu sagen: Zweimal sollte das Gut übernommen werden, außer Schulden und Autowracks hatten die Interessenten nur Müllhalden hinterlassen.

Der Schafstall, im Hintergrund das GerätehausGerätehaus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


2005
haben wir uns dann mit Baethges in Verbindung gesetzt, die uns das Gut zu stolzem Preis überlassen haben und wir konnten 2006 anfangen, unsere Idee im Gut umzusetzen.

Unser innigster Dank gilt der Familie (vor allem in Gütersloh und Seerhausen), die uns mit allen Kräften unterstützt.

Hier noch ein paar Impressionen der Gebäude, als wir den Hof übernommen hatten:

Das soll es mit Geschichte für´s erste gewesen sein, vielleicht erweitern wir das bei Gelegenheit. So schauen wir erst einmal nach vorn. Viel Vergnügen.

 

Go to top

© Kanzleilehngut Halsbrücke 2016